- winterharte blaue Seerosen

Die Gattung der Seerosen teilt sich in einige Untergattungen auf. Die Stammeltern aller winterharten Seerosen gehören zur Untergattung Nymphaea. Die Wildformen der Untergattung Nymphaea blühen mit wenigen Ausnahmen weiß. In Skandinavien gibt es rote Varianten davon, in Nordamerika eine rosafarbige. In den Südstaaten der USA und in Mexiko gibt es eine gelbe Seerose, die zwar zur gleichen Untergattung gehört aber nur sehr bedingt winterhart ist. Aus diesen Ausgangspflanzen wurden alle heute erhältlichen winterharten Seerosensorten gezüchtet. Die Farbpalette bei den winterharten Seerosen ist also beschränkt auf weiß, rot, rosa und gelb. Übergänge zwischen diesen Farben sind möglich, aber keine Farbtöne die blau oder grün erfordern würden. In über hundert Jahren züchterischer Arbeit wurde eine Vielzahl sehr guter Sorten geschaffen, auch die gelben Sorten sind inzwischen (mit einer einzigen Ausnahme) vollkommen winterhart. 

 

 Es gibt noch drei weitere Untergattungen der Seerosen, und bei zwei von ihnen ist auch blau in der Farbpalette enthalten. Leider sind dies aber alles tropische Seerosen und bislang galt die Meinung, dass es absolut unmöglich ist Seerosen aus zwei verschiedenen Untergattungen miteinander zu kreuzen. Es war mehr als nur eine Meinung, es war praktisch eine Glaubensfrage. Ich

 

 kann mich erinnern wie eine Frage von mir im Forum von Victoria-Adventure eine so heftige Debatte in Gang setzte, dass das Forum darüber fast zerbrochen wäre. Ich wollte nur wissen, ob etwas dran sei an der Behauptung von Perry D. Slocum, dass er mehrmals erfolgreich tropische mit winterharten Seerosen gekreuzt hätte. Das löste eine Reihe erbitterter Reaktionen aus, die Slocum als Betrüger bezeichneten und kategorisch jede Möglichkeit einer solchen Kreuzung bestritten. Es war nicht mehr möglich zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren und alle die nur im Entferntesten andeuteten, dass eine Kreuzung möglich sein könnte, wurden sofort heftig angegriffen. Ich hatte also eine ketzerische Frage gestellt, und damit mitten ins Wespennest gestochen. Nach einigen Wochen beruhigte sich die Sache wieder, einige Forumsmitglieder verschwanden und der Rest schwieg künftig zu diesem Thema.

 

 Am Ostersonntag 2002 sorgte dann eine Email von William Phillips für Furore. Neben Ostergrüßen enthielt sie noch das Bild einer Seerose und die Information, dass es sich dabei um das Ergebnis einer erfolgreichen Kreuzung zwischen Seerosen aus zwei verschiedenen Untergattungen handle. Der Pollen stammte von der weißen Varietät der Nymphaea colorata (Untergattung Brachyceras), bestäubt wurde damit die 

australische Sorte ‚Andre Leu’ (Untergattung Anecphya). Die Seerose sah wirklich aus wie eine Mischung aus diesen beiden Seerosen, und damit nicht genug gab es auch noch eine DNS-Untersuchung die den Sachverhalt der Kreuzung eindeutig bestätigte. Damit war also die Behauptung widerlegt, dass es nicht möglich sei Seerosen aus verschiedenen Untergattungen miteinander zu kreuzen.

 

William Phillips war zu diesem Zeitpunkt der erfolgreichste Züchter von australischen Seerosen in den USA. Die australischen Seerosen der Untergattung Anecphya sind zwar wunderschön aber auch berüchtigt dafür übersensibel zu sein. Sie stellen höhere Temperaturansprüche als andere tropische Seerosen, sie mögen keinen Schatten, keinen Regen, einfach keine Veränderungen. Auf alle diese Dinge können mit dem Abwerfen der Blätter und dem Eintritt in eine Ruhephase reagieren. Craig Presnell erklärte einmal: ‚niese in ihre Richtung, und sie gehen sofort in die Ruhephase.’  William Phillips war es gelungen mit der Hilfe von Andre Leu neues Saatgut aus Australien zu bekommen und bessere

 Klone daraus zu ziehen. Sensibel blieben die Seerosen aber noch immer. Deswegen versuchte er sie mit den üblichen tropischen Seerosen der Untergattung Brachyceras zu kreuzen und so robustere Sorten zu erhalten. Beides ist ihm gelungen. Seine erste erfolgreiche Kreuzung erhielt seinen eigenen Namen: Nymphaea ‚William Phillips’. In Insiderkreisen spricht man auch von ‚The Miracle Man and his Miracle Plant’, denn William Phillips lebt seit 1996 mit einem fremden Herzen. Inzwischen ist es mehreren anderen Personen ebenfalls gelungen die Untergattungen Anecphya und Brachyceras miteinander zu kreuzen.

 

Der Erfolg von William

Phillips veranlasste Pairat Songpanich in Thailand 2003 seinerseits ein Züchtungsprogramm zu beginnen um die Farbe Blau in die winterharten Seerosen einkreuzen zu können. Dass das Überschreiten der Grenzen der Untergattungen möglich war, hatte William Phillips ja soeben bewiesen. Zwar hatte er ‚nur’ zwei tropische Untergattungen miteinander gekreuzt, aber weshalb sollte es nicht auch möglich sein die winterharte Untergattung Nymphaea mit einer der tropischen Untergattungen zu kreuzen? Pairat Songpanich begann systematisch zu kreuzen, beraten wurde er dabei von Dr. Slearmlarp Wasuwat, dem besten Seerosenkenner in Thailand. Alle Kreuzungen wurden so durchgeführt, dass der Pollen von einer tropischen Seerose stammte und damit eine winterharte Seerose befruchtet wurde. Auf diese Weise hoffte man, dass die Wuchseigenschaften der winterharten Seerose dominieren würden aber die Farbe von der tropische Seerose gesteuert würde. Als erstes stellte sich heraus, dass alle Kreuzungen mit Seerosen der Untergattung Anecphya misslangen. Vermutlich ist der Unterschied in der Chromosomenzahl hier 


einfach zu groß. Die Kreuzungen mit Seerosen der Untergattung Brachyceras waren dagegen nach einiger Zeit erfolgreich. Die erfolgreichen Kreuzungen blieben zwar sehr selten und die reifen Samenkapsel enthielten auch nur sehr wenige keimfähige Samen, aber immerhin gelang die Kreuzung hin und wieder. Alle Samen wurden ausgesät und die Sämlinge zu blühfähigen Pflanzen herangezogen. Aus allen Aussaaten gab es eine einzige Pflanze, die in Blau blühte. Sie erhielt 2007 den Namen Nymphaea ‚Siam Blue Hardy’. Auch bei dieser Pflanze wurde die Kreuzung durch DNS-Analyse wissenschaftlich bestätigt.

 

Ob ‚Siam Blue Hardy’ auch tatsächlich die Eigenschaft gehabt hätte unsere Winter in Europa zu überleben wird sie nie überprüfen lassen. Sie wirkte zwar äußerlich wie eine winterharte Sorte, aber zu 50% war sie eben doch tropischen Ursprungs. Viele Züchter liessen sich auf die Warteliste für einen Ableger dieser Sorte setzen (trotz des astronomisch hohen Preises) aber leider erwies es sich, dass sich 'Siam

 Blue Hardy'  sich nicht vermehren ließ. Alle Versuche verliefen erfolglos, bis Thailand 2011 von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht wurde. Dabei ging 'Siam Blue Hardy'  wortwörtlich 'den Bach hinunter'. Kein Mensch weiss wohin das einzige existierende Exemplar gespült wurde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit landete sie irgendwo auf dem Trockenen und vertrocknete dann einfach. Überlebt haben

 einige Schwestersorten (z.B. 'Siam Purple Hardy'), die ab 2013 auf den Markt kommen werden. Auch wenn ‚Siam Blue Hardy’ verloren ist, so ist durch sie doch die Tür geöffnet worden um eine wirklich winterharte blaue Seerose zu züchten – entweder aus ihren Schwestersorten oder durch eine neue Kreuzung. Die angeblich unüberwindliche Grenze zwischen den Seerosenuntergattungen hat sich als durchaus überwindbar erwiesen und die Zukunft wird uns hier noch einiges bislang undenkbares bringen. Wieso sollten nicht auch nachtblühende mit tagblühenden Seerosen gekreuzt werden können? Lassen sich die heiklen Anecphyas vielleicht über den Umweg der Kreuzungsprodukte mit Brachyceras doch noch mit den winterharten Seerosen kreuzen? Können wir die wunderschönen Blattfärbungen der tropischen Seerosen auf die winterharten übertragen? Oder gar die gerip

pten Blätter der nachtblühenden Seerosen? Wir werden es in den nächsten Jahren erleben, sie werden uns mit Sicherheit noch nie gesehene Formen und Farben bei den Seerosen überraschen.

 

 

 

 


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