Biotop

 

Von unseren Kunden hören wir sehr oft, dass sie nur einheimische Pflanzen für ihren Teich möchten, da er ein Biotop werden soll. Das ist ein wesentlich komplizierteres Thema als es zunächst den Anschein macht. Zum einen ist nicht klar was genau heimisch und was nicht heimisch ist, und zum anderen sind echte Biotope äußerst schwierig zu kopieren.

'Ist das auch eine heimische Pflanze?'

Kommt drauf an. Wo sind Sie denn daheim? Und wie lange muss eine Pflanze bei Ihnen vorgekommen sein um als heimisch zu gelten? Die Natur ist ein dynamisches System, kein statisches. Sie ist immer in Bewegung, aus Wiesen werden Wälder, aus Seen werden Moore. Dabei ändert sich immer die Artenzusammensetzung der Tiere und Pflanzen die dort leben. Über größere Zeiträume betrachtet wechseln Kalt- und Warmzeiten in Europa ab und gestalten die Natur jedes Mal komplett um. Bei jeder Eiszeit gerieten die Wärme liebenden Pflanzen in Mitteleuropa in die Klemme. Die Gletscher kamen sowohl von Skandinavien als auch von den Alpen. Der ‚Fluchtweg’ nach Süden war den Pflanzen versperrt, sie konnten nur nach Westen und Osten ausweichen. Nicht allen Pflanzenarten gelang dies. Auch nach den Eiszeiten gelang es nicht allen Pflanzen wieder zurück nach Mitteleuropa zu gelangen, und dann kam gleich wieder die nächste Eiszeit… Dies ist der Grund weshalb die Pflanzenvielfalt in Europa viel geringer ist als auf anderen Kontinenten. In den Eiszeiten ist vieles bei uns ausgestorben, was einst hier gelebt hat und in unserem Klima auch heute wieder bei uns leben könnte.

Jetzt können Sie natürlich sagen, die letzte Eiszeit liegt ziemlich lange zurück, Pflanzen die es damals nicht geschafft haben, sind natürlich nicht mehr heimisch, dafür haben sich die Verhältnisse zu sehr verändert. In Ordnung. Aber was ist dann mit den Pflanzen die später zu uns kamen oder wieder verloren gingen? Seit bei uns Ackerbau und Viehzucht betrieben wird, hat der Mensch die mitteleuropäische Natur komplett umgestaltet. Selbst in den Alpen findet man kaum Gebiete in denen die Natur nicht vom Menschen geprägt wurde. Wenn der Mensch die Natur nutzt und Landwirtschaft betreibt, dann verdrängt er damit manche Pflanzen und andere begünstigt er wieder. Jede Nutzung ist mit bestimmten Pflanzen und Tieren verbunden. Als sich der Getreideanbau durchsetzte, wanderten mit dem Getreide Klatschmohn und Kornblume aus dem Süden ein. Als im 20. Jahrhundert die Saatgutreinigung perfektioniert wurde, verschwanden sie wieder. Als Wiesen nur zweimal im Jahr gemäht wurden, wuchsen dort bunte Blumen. Als man die Grünlandbewirtschaftung intensivierte verschwanden die Blumen und übrig blieb nur der Löwenzahn. Als die Wälder zur Waldweide der Schweine genutzt wurden, war die Landschaft bei uns Parkartig und Wiedehopf und Bienenfresser lebten dort. Als man die Nutzung änderte, wurden die Wälder dicht und der Wiedehopf selten. Die Beispiele könnte man endlos fortsetzen. Jede Nutzungsform hat Einfluss auf Flora und Fauna, und immer wieder sind dabei Pflanzen eingewandert und andere verdrängt worden.

In der Botanik ist es üblich geworden vom Menschen bei uns eingeführte Pflanzen als Neophyten (‚Neupflanzen’) zu bezeichnen. Aber die Abgrenzung ist ziemlich willkürlich gewählt. Neophyten sind die Ankömmlinge seit der Entdeckung Amerikas. Warum eigentlich? Tulpen und Kalmus sind damit Neophyten, aber mit Amerika haben sie nichts zu tun. Sie kamen aus Asien zu uns. Wären sie nur ein paar Jahrzehnte früher aufgetaucht, wären sie keine Neophyten. Der Färberwaid ist kein Neophyt, er ist schon seit dem Mittelalter bei uns. Eingeführt und kultiviert wurde er von den Färbern. In der Natur kommt er fast nirgends vor, trotzdem gilt er als heimisch. Da es durch die globale Erwärmung bei uns wärmer wird, beginnen einzelne Orchideenarten aus dem Mittelmeerraum nach Norden zu wandern. Wenn sie in ein paar Jahrzehnten bei uns ankommen, sind sie dann Neophyten?

Der Ansatz ‚heimisch gegen nicht heimisch’ scheint mir problematisch zu sein. Er lässt außer Acht, dass Flora und Fauna dynamische Systeme sind. Besser wäre es zu unterscheiden zwischen ‚potentiell gefährlichen’ und ‚neutralen’ Pflanzen. Gefährliche Neubürger gibt es unter den Pflanzen tatsächlich. Ein Beispiel sind die Herkulesstaude und das drüsige Springkraut, die sich unkontrolliert in der Natur ausbreiten und alle anderen Pflanzen an ihren Standorten verdrängen. Zudem schädigen sie Uferbereiche, da sie die Erosion begünstigen. Die Mehrzahl der ‚neuen’ Pflanzen benimmt sich aber unauffällig. Die wenigsten davon haben überhaupt die Möglichkeit sich ohne menschliche Pflege auf die Dauer zu behaupten.

Für einen ‚normalen’ Gartenteich in einer geschlossenen Ortschaft empfehlen wir deswegen ein pragmatisches Vorgehen: die Basis der Bepflanzung bilden einheimische Pflanzen. Da diese aber überwiegend in der ersten Hälfte des Sommers blühen und der Teich danach etwas trist aussehen würde, ergänzen wir die Bepflanzung um spät blühende fremdländische Pflanzen. Auf bekannte problematische Pflanzen sollte man verzichten, wir haben sie deswegen nicht in unserem Sortiment. Für einen Teich in Ortsrandlage gilt die Regel, dass nur Pflanzen gewählt werden dürfen, die in dieser Region auch vorkommen. Fremde Pflanzen sind dort tabu. Wenn Ihr Teich im absoluten Außenbereich liegt, dann dürfen Sie dort überhaupt keine Pflanzen einbringen sondern müssen darauf warten, dass sich Pflanzen von selbst ansiedeln. Ein künstliches Einbringen von Pflanzen wird als ‚Ansalbung’ bezeichnet und ist gesetzlich verboten.

Wie macht man einen* Biotop?

(* es heißt tatsächlich DER Biotop, da das zugrunde liegende griechische Wort 'topos' ein Maskulinum ist. Im Deutschen werden Fremdworte immer mitsamt dem Geschlecht übernommen. Zudem bedeutet Biotop wörtlich übersetzt 'Lebensort' - und auch dieser Begriff ist ein Maskulinum.)
 
Pflanzen leben immer in Gemeinschaft mit anderen Pflanzen unter bestimmten Bedingungen. Mit diesen Lebensgemeinschaften der Pflanzen befasst sich die Pflanzensoziologie. Sie versucht alle diese Gemeinschaften zu erfassen und zu klassifizieren. Das ist eine ziemlich schwierige Aufgabe. Noch schwieriger wird es so eine Lebensgemeinschaft auch noch zu kopieren. Sicher kann man eine Liste aller bekannten Arten einer solchen Lebensgemeinschaft zusammenstellen (kennt man auch alle? Oder wurden einige übersehen?), aber sie dann pflanzen? Wieviel Prozent von welcher Art? Die Versuche gehen meistens schief. Es entsteht zwar langsam eine neue Lebensgemeinschaft. Aber es ist selten die gewünschte. Profis versuchen deswegen gar nicht Biotope gezielt zu kopieren. Sie schaffen stattdessen die Rahmenbedingungen (z.B. durch eine Flachwasserzone mit kiesigem Untergrund) und warten ab welche Pflanzen sich dort spontan ansiedeln. Für einen Garten ist das unbefriedigend, weil meistens kein ‚schönes’ Bild entsteht, für den Naturschutzprofi ist es der einzig mögliche Weg.

Wenn Sie einen ‚echten’ Biotop anlegen wollen, dann müssen Sie sich für eine ganz bestimmte Lebensgemeinschaft entscheiden und so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen. Sie müssen Bescheid wissen über die Boden-, Licht- und Feuchtigkeitsverhältnisse, über die chemischen Reaktionen des Untergrunds, ob die Vegetation regelmäßig gestört werden muss um die Lebensgemeinschaft zu erhalten, an welcher Stelle Sie wie eingreifen müssen um die natürliche Sukzession aufzuhalten, und welche Pflanzen zu dieser Lebensgemeinschaft unbedingt dazu gehören. Danach können Sie versuchen den Biotop nachzubilden. Es wird auf jeden Fall sehr viel Arbeit machen, und das dauerhaft. Ob sich auch die dazugehörige Tierwelt einstellen wird, ist sehr fraglich. Zum einen sind unsere Grundstücke relativ klein und damit zwangsläufig auch der Biotop. Zum anderen liegen um Ihren Garten herum andere Gärten die kaum gleiche Biotope enthalten werden, eine Zu- und Abwanderung von hoch spezialisierten Tieren ist deswegen äußerst unwahrscheinlich. Viele Biotope brauchen auch Mindestgrößen. Wenn Sie dem Teichrohrsänger eine Heimat schaffen wollten, dann müssten Sie in Ihrem Garten einen See unterbringen mit breiter Schilfzone. Das ist natürlich nicht machbar. Im Garten wird man sich deswegen immer auf von Haus aus kleinflächige Biotope beschränken müssen.

Wenn Sie mit dem Begriff Biotop aber nur meinen, dass Sie allgemein einen Lebensraum für Tiere und Pflanzen schaffen wollen, dann wird es wieder viel einfacher. Nicht jedes Tier und jede Pflanze ist an eine einzige Lebensgemeinschaft gebunden, sondern taucht in einer ganzen Reihe von Lebensgemeinschaften auf. Diese anpassungsfähigeren Arten können Sie mit Ihrem Gartenteich gezielt fördern. Grasfrösche und Kröten tauchen von allein an einem neuen Gewässer auf, wenn sie in der Umgebung noch vorkommen. Ihre Ansprüche an die Pflanzen sind gering, das Wasser und seine Tiefe sind für sie die entscheidenden Faktoren. Ob die Seerosen weiß oder rot blühen ist ihnen dagegen vollkommen egal. Molche können Sie dann erwarten, wenn Ihr Teich flach und voller Unterwasserpflanzen ist. Libellen und Wasserkäfer sind in Bezug auf die Pflanzen auch nicht besonders wählerisch. Für alle diese Tiere kann Ihr Gartenteich ein Lebensraum werden. Vielleicht sollte man auch Gartenteiche als eine eigene Lebensgemeinschaft betrachten, genauso wie man es mit Parkanlagen und Streuobstwiesen macht: Vom Menschen in seiner unmittelbaren Nähe geschaffene Lebensräume, die von einer Reihe Tierarten gern als Ersatzlebensraum angenommen werden.

Natürlich gibt es auch hochgradige Spezialisten, die genau eine Pflanzen- oder Tierart brauchen um zu leben und sich vermehren zu können, aber diese Spezialisten sind in der Minderheit und meistens ist ein Gartenteich auch kein geeigneter Lebensraum für sie. Diese Arten schützt man besser indem man ihre natürlichen Biotope erhält.

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